Wunderwelt Südwest


San Francisco, Las Vegas, Grand Canyon. Auch wer nie dort war, hat eine Vorstellung davon, wie es dort aussieht. Dirk Schäfer fährt durch den Südwesten der USA, um nach dem zu suchen, was sich abseits der ausgetretenen Pfade tut. Zwischen Kalifornien und Colorado wird er fündig.

Die USA sind zu einem Allerweltsziel geworden. Städtetrips nach New York und San Francisco, Wohnmobilreisen durchs ganze Land, und die Bikerfreunde cruisen auf der Route 66. Aber mal ehrlich: Das soll’s schon gewesen sein? Dazwischen muss doch jede Menge Land liegen, das sich dem allgemeinen touristischen Blick entzieht. Aber wie findet man diese Gegenden? Wenn man auf ein nächtliches Satellitenbild der USA schaut, findet man fast alle Regionen hell erleuchtet. Fast alle. Für den Südwesten, zwischen Pazifikküste und den Rocky Mountains gilt das nicht. Nur wenige Lichter stören die nächtliche Ruhe. Große Städte: Fehlanzeige. Pisten: Reichlich. Einsamkeit: Höchstwahrscheinlich.

Irgendetwas knistert am Zelt. Raschelt. Oh Mann! Es ist noch stockdunkel, und ich will einfach nur schlafen. Aber das inzwischen nervige Geraschel geht weiter. Bald bin ich hellwach und würde den Störenfried gerne verjagen. Aber dazu müsste ich raus aus dem Schlafsack, raus in die Kälte. Es wird nur knapp über dem Gefrierpunkt sein. November am Grand Canyon. Und allzu hektisch sollte ich meine temporäre Behausung auch nicht verlassen. Nur ein paar Meter weiter geht es abwärts. Circa 1000 Meter tief. Im Fall des Falles sollte das ausreichen, um vor dem Aufprall zu realisieren, dass man wegen des Geraschels besser nicht wutentbrannt aus dem Zelt hätte stürzen sollen.

Nur ganz betulich geht die Sonne auf, lässt den Talboden des Grand Canyon noch lange in undurchdringlichem Schwarz. Dort, wo ihre Strahlen schon hin reichen, leuchten Präriebüsche und Hügelketten in trügerischem, Wärme suggerierendem Orange. Mit eisigen Fingern packe ich meine Siebensachen auf die 12’er Rallye.

Ich bin an der engsten Stelle des Grand Canyon, weit ab von den touristischen Hotspots. 100 Kilometer Piste trennen mich vom nächsten Asphalt. Nochmal 30 vom warmen Frühstück in der Kanab Creek Bakery von Marjorie Casse. Die geborene Belgierin hat im überschaubaren Kanab ein französisches Café eröffnet. Wenn das keine Verheißung ist!

Die Piste gibt sich erst ruppig, dann regelrecht soft, und die GS bügelt mit meinem leeren Magen nur so dahin. Kaum zu glauben, dass ich seit zwei Tagen am Grand Canyon bin und nicht eine Menschenseele zu Gesicht bekommen habe. Außer Marjorie natürlich. Wenn sie sich nicht um ihr Café kümmert, was sie selten genug tut, arbeitet sie als freiwillige Rangerin im abgelegenen Nordteil des Grand Canyon. Kein Handyempfang, keine Verpflegung, keine Sanitäreinrichtungen. Nichts. Mal abgesehen von der Respekt einflößenden Natur und einer selten gewordenen Einsamkeit. Was bringt jemanden dazu, dieses harsche Leben draußen dauerhaft leben zu wollen?

Im Death Valley, knapp 600 Kilometer weiter westlich, hatte ich eine ähnlich motivierte Frau getroffen. Von der Hauptroute durch das hitzige Tal des Todes war ich auf die bockige Piste zu den Moving Rocks abgebogen. Überall fette Steine, spitze Felsen. Nicht das Terrain, über das man eine vollbeladene Zwölfhunderter treiben will. Aber für ein Wunder wie die wandernden Steine wollte ich die Anstrengung gepaart mit einem Quantum Risiko auf jeden Fall eingehen. Die Quittung bekam ich schnell: Die Piste ließ selten mehr als den zweiten Gang zu, und mir ging irgendwann der Schweiß aus. Aber die Motivation blieb. Und die wurde mit einem phänomenalen Blick über die Ebene mit den Moving Rocks belohnt. Unter uns: Wer hätte sich im Rausch des gerade Vollbrachten nicht auf die innere Schulter geklopft? War ja ohnehin niemand da, der dem Moment der Selbstzufriedenheit beiwohnt. Oder doch?

In einiger Entfernung kam mir eine einzelne Person entgegen. Zu Fuß und einen Handkarren hinter sich herziehend. Hier im Death Valley, dem heißesten Ort Nordamerikas? Entweder hatte ich was an den Pupillen oder der Mensch dort war verrückt. Helen Thayer, die Frau mit dem Handkarren, war keineswegs verrückt. Sie durchquerte das Death Valley zu Fuß. So wie sie schon zu Fuß zum Nordpol gelaufen war. Ich nahm die Hand von meiner inneren Schulter und fragte vorsichtig, warum sie ausgerechnet durchs karge Death Valley läuft. »Das ist mein Geburtstagsgeschenk an mich selber«, lachte sie aus einem nicht mehr ganz jungen Gesicht. »Gestern bin ich 80 geworden und manche Sachen macht man besser, bevor man zu alt ist.« Eine Stunde unterhielten wir uns am Pistenrand und breiteten unsere Lebensgeschichten wie eine Picknickdecke aus.

Eine Woche später stehe ich in Big Water, einem Dorf mit dem Charme eines Baucontainers, und frage mich, ob ich die 130 Kilometer nach Escalante alleine unter die Räder nehmen soll. Wieder, wie schon am Grand Canyon und im Death Valley drängt sich kein Mitfahrer auf. Ende November ist Offseason und hierher verschlägt es ohnehin nur wenige. Zwar will ich abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs sein und scheue eine vorübergehende Einsamkeit nicht. Aber, wie gehabt: Wenn etwas passiert, gibt’s keinen Handyempfang, vermutlich keine anderen Fahrzeuge, nichts. Mit einem kurzen Gedanken an die achtzigjährige Helen Thayer, die mit ihrem Handkarren wohl auch hierher laufen würde, gebe ich dem Boxer die Sporen.

Meine Güte, was für ein Landschaftsepos! Isländisch zerfurchte Bergriegel, mecklenburgische Seen zwischen algerischen Felsplateaus. Das Hirn kommt kaum nach, die Bilder abzuspeichern, die auf die Sehnerven einprasseln. Dazu wirbelt die GS eine Fontäne aus Staub auf, die für einen kleinen Hurrikan reichen würde. Wann habe ich das letzte Mal so ein Gefühl von Freiheit gehabt? Vielleicht vor Jahren in der algerischen Sahara. Aber es soll noch besser kommen!

Westlich von Moab begleitet die unscheinbare Potash Road den Colorado flussabwärts. Schon als Piste quert sie die absurd bunten Becken einer Kaliumgewinnung und mündet dann in den verheißungsvollen White Rim Trail. 160 Kilometer anspruchsvolles Geläuf zwischen Colorado und Green River. Im Sommer unsäglich heiß und kräftezehrend. Jetzt Anfang Dezember sind die Temperaturen auf meiner Seite. Tags milde 23° Celsius, nachts irgendetwas um den Gefrierpunkt. Das müsste gehen. Wenn nichts dazwischen kommt.

Die mir schon bekannten ersten 30 Kilometer gehen schnell von der Gashand. Allzu weit sollte man den Beschleuniger allerdings nicht aufreißen. Zu wechselhaft ist der Trail, zu unabsehbar sind die Windungen. Und von einer Sicherung, der Ankündigung einer Gefahrenstelle keine Spur. Fahren Eins-Punkt-Null. Ein grober Schnitzer, und du landest entweder vor der Canyonwand oder im Canyon selber. Aber der Gegenwert! Eine Urgewalt von Landschaft nimmt dich auf, so ruhig und doch so mächtig. Auf dem Trail manövrierst du durch das Land, wie es vor der Schöpfung war. Fühlst dich so groß wie das, was du siehst und bist doch so winzig in all dem. Ja, Helen. Manche Sachen macht man besser, bevor man zu alt ist.

Reiseinfos

Anreise
Von Deutschland aus gibt es günstige Direktflüge nach Las Vegas. Das liegt zwar im benachbarten Nevada, ist aber nur einen Katzensprung von Utah entfernt.

Motorradfahren
In Las Vegas kann man Motorräder mieten, z.B. bei
www.eurocyclerentals.com. Die Tagespreise beginnen bei 99 US$ für eine Reiseenduro.

Das eigene Motorrad kann man auch per Luftfracht in die USA bringen lassen. One way geht es mit myaircargo von Lufthansa ab 1900 Euro von Frankfurt z.B. nach Los Angeles. Das Besondere an myaircargo ist, dass die Motorräder vor der Haustür abgeholt und auch dort wieder abgeliefert werden. Ebenfalls inklusive sind die Transportversicherung, die Gefahrgutdeklaration sowie Verladung und Sicherung auf Luftfrachtpaletten.

Reisezeit
Für die hier beschriebenen Offroad-Strecken kommen Frühling, Herbst und Winter in Frage. Im Sommer klettern die Temperaturen Richtung Siedepunkt, der Trinkwasserverbrauch ist enorm, und auf den einsamen Strecken sind so wenige Leute unterwegs, dass im Fall eines größeren Problems nicht mit schneller Hilfe zu rechnen ist. Im Winter sind die Temperaturen tagsüber moderat, nachts muss mit Frost gerechnet werden.

Die Strecke
Alle Asphaltrouten sind in sehr gutem Zustand. Die meisten Pisten auch. Durchschnittliche Offroad-Erfahrung ist vielerorts ausreichend. Die komplette Route ist 6200 Kilometer lang und wurde in sechs Wochen gefahren.
Tipp: Den White Rim Trail als Team angehen.

Es empfiehlt sich immer, die aktuellen Streckeninfos bei den örtlichen Tourismusbüros oder Rangerstationen einzuholen. Offroad-taugliche Bereifung ist sehr sinnvoll, selbst wenn die Wetterlage gut ist.

Unterkunft
In den Nationalparks stehen sowohl Campinglätze als auch Lodges zur Verfügung. Auf dieser Tour wurde den Zeltmöglichkeiten, oft in Nationalparks, der Vorrang gegeben. Infos unter www.nps.gov. Wild zelten ist auf öffentlichem Grund zulässig. Mehr bei www.blm.gov.

Die Motelkette Motel 6 bietet günstige Unterkünfte ab 55 US$ in fast allen Städten. Qualität und Ausstattung rangieren dem Preis entsprechend in der unteren Mittelklasse. www.motel6.com

Aktivitäten
Die möglichen Aktivitäten in den Nationalparks sind von Rafting über Bouldern bis hin zu Hubschrauberflügen schier endlos. Für 80 US$ gibt es einen Jahrespass, der für alle Nationalparks der USA gilt. Reist man als Paar, gilt ein Pass für zwei Reisende, auch wenn sie auf zwei Motorrädern unterwegs sind. Das Befahren des White Rim Trails ist anmeldepflichtig. Die Rangerstation im Island in the Sky Nationalpark erledigt die Formalitäten.

Karte
Die Karten von Rand McNelly berücksichtigen auch Pisten und stellen die Nationalparks in weiter vergrößertem Maßstab dar. Eine Empfehlung für je 7,49 Euro pro Bundesstaat.

Kategorie: Adventure | Travel, News